Geschichte des Mittenwalder Geigenbaus

Zur Geschichte Mittenwalds

Mittenwald geht auf eine im Scharnitzwald gelegene Rodungssiedlung
in media silva zurück und wurde 1096 erstmals urkundlich erwähnt, 1305 wurde ihm das Marktrecht verliehen. Es war einer der Hauptorte der zwischen Tirol und Bayern gelegenen Grafschaft Werdenfels, die von 1294 bis zur Säkularisation 1802 dem Hochstift Freising angehörte und erst danach an Bayern fiel.

Am Unteren Weg von Augsburg nach Venedig gelegen, profitierte Mittenwald ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert vom Rottfuhrwesen, dem zeitweilig am Ort abgehaltenen Bozener Markt und dem transalpinen Fernhandel. Am Ende des 17. Jahrhundert entfalteten sich unter diesen Voraussetzungen neue Gewerbe wie die Bortenwirkerei, die Filetseidenstickerei oder der Geigenbau.

Seitdem entwickelte sich Mittenwald neben dem sächsischen Markneukirchen als das bedeutendeste Zentrum des Streich- und Zupfinstrumentenbaus in Deutschland, das bis heute besteht.





Wappen des Marktes Mittenwald von 1408
in einer Kopie des 16. Jahrhunderts



Die Bedeutung der Klotz-Familie für den Mittenwalder Geigenbau

Matthias Klotz (1653–1743) darf als der Begründer des Mittenwalder Geigenbaus gelten. Klotz erlernte sein Handwerk wohl bei einem Füssener Instrumentenmacher, ehe er 1672–1678 als Geselle bei dem ausgewanderten Allgäuer Lautenmacher Pietro Railich in Padua arbeitete. Über seine folgenden Lebensjahre bis zur Rückkehr nach Mittenwald in den 1680er Jahren ist nichts bekannt.


Klotz fand in Mittenwald offenbar günstige Voraussetzungen für sein Gewerbe vor, z. B. ausreichend hochwertige Rohstoffe (besonders Ahorn und Fichte), günstige Absatzmöglichkeiten (im überregionalen Handel) und die Gewerbezulassung (ohne zünftische Konkurrenz).

Vermutlich begründete er um den Jahreswechsel 1685/1686 – in zeitlicher Nähe zu seiner ersten Heirat und dem Erwerb eines ersten Hauses in Mittenwald – eine Werkstatt als Lautenmacher, aus der sich der Mittenwalder Geigenbau in seiner Gänze entwickelte.





Der Herrschaft Mittenwald
Vedute von Adalbert Kromer
Öl auf Holz, Freising 1885
nach einer Gouache von Valentin Gappnigg aus dem Jahr 1700
Freising, Diözesanmuseum
Die Vedute Kromers zeigt Mittenwald in der Anfangsphase des Geigenbaus.



Klotz-Schule und Klotz-Modell

Matthias Klotz führte eine größere Werkstatt, in der nicht nur seine drei Söhne Georg I. (1687–1737), Sebastian I. (1696–1775) und Johann Carol (1709–1769) ihre Ausbildung erhielten, sondern auch andere Mittenwalder wie z. B. der berühmte Andreas Jais (1685–1753).

Sein Sohn Sebastian I. Klotz entwickelte sich zur stilprägenden Persönlichkeit der Mittenwalder Schule: Sein Geigenmodell errang Vorbildcharakter. Neben dieser Klotz-Schule bildete sich jedoch bereits im 18. Jahrhundert eine zweite bedeutende Stilrichtung aus, die von Matthias Hornsteiner, vulgo Hofschmied (fl. 1760–1803) geprägt wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlangte der Mittenwalder Geigenbau damit einen ersten Höhepunkt.





Geige von Sebastian Klotz, Mittenwald um 1750
Das Klotz-Modell galt im Mittenwalder Geigenbau des 18. Jahrhunderts in allen
gestalterischen Details als Vorbild
.



Krisen im Mittenwalder Geigenbau

Infolge von Kriegen, Ortsbränden, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen erlitt Mittenwald – und damit auch der Geigenbau – mehrmals schmerzliche Rückschläge.

Mit der Säkularisation in den habsburgischen Ländern (1783) und in Süddeutschland (um 1803) gingen viele Klöster und Kirchen als Kunden der Mittenwalder Geigenmacher verloren. Um sich den daraus resultierenden Zwängen der Verlagsproduktion zu entziehen und um sich den neuen bürgerlichen Kunden zuzuwenden, wanderten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert einige Mittenwalder Geigenmacher in süddeutsche Städte ab, z. B. Franz Knittl (1744–1791) nach Freising, Franz Simon (1757-1803) nach Salzburg, Ignaz Simon (1789-1866) nach Haidhausen bei München oder Anton Zwerger (1761–1831) nach Passau bzw. Salzburg.

Eine schwere Absatzkrise ergab sich infolge der Napoleonischen Kriege und besonders des Rußlandfeldzuges von 1812: Von den noch 1811 gezählten 90 Geigenmachern (und zwölf Bogenmachern) überstanden nur 25 Geigenmacher (bzw. 2 Bogenmacher) die folgenden Jahre der Kriegswirren und der Wirtschaftsflaute.


Das Geigenverlegerwesen

Vermutlich übernahmen schon Anfang des 18. Jahrhunderts auch Mittenwalder Händler den Vertrieb einzelner Instrumente – schließlich war damals fast jeder fünfte Mittenwalder als propola circumforeaneus, d. h. als hausierender Krämer unterwegs.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spezialisierten sich einzelne Händler-Familien (Baader, Hornsteiner, Jais, Jochner, Kriner, Lipp, Neuner, Oettl, Resch, Rieger, Seiler, Wörnle) auf den Absatz von Instrumenten in großen Stückzahlen, die in den Mittenwalder Werkstätten eingesammelt wurden. In dieser Phase wurde nur ein Teil der Instrumente von ihren Hersteller signiert, andere wurden mit Modellhinweisen versehen, viele bleiben unsigniert.





Mittenwalder Amati-Zettel, um 1750



Ab dem frühen 19. Jahrhundert bestimmten schließlich die Verleger alleine die Produktion und die Preise. In dieser Phase war die Nachfrage nach preisgünstigen, einfachen Geigen sehr groß, so dass die Qualität und die Individualität der Instrumente stark abnahmen.

Mit der wachsenden Abhängigkeit der Geigenmacher von den örtlichen Händlern – den Verlegern –, die den überregionalen Vertrieb der Instrumente in nahezu alle europäischen Länder übernahmen, entwickelte sich die arbeitsteilige Produktion im Mittenwalder Geigenbau. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Arbeitsteilung der Korpusmacher, Halsmacher, Besaiter und Lackierer so weit fortgeschritten, dass kaum noch ein Mittenwalder Geigenmacher allein ein Instrument vollständig herstellen konnte.





Geigenbau-Werkstatt eines Mittenwalder Heimarbeiters im frühen 20. Jahrhundert
Nachgestellt im 1930 gegründeten Mittenwalder Geigenbaumuseum
Unbezeichnete Fotografie, um 1935
Geigenbaumuseum Mittenwald



Die Mittenwalder Geigenbauschule

Um diesem Verfall Einhalt zu gebieten, wurde 1858 auf Betreiben des bayerischen Königs Maximilian II. die Mittenwalder Geigenbauschule begründet. Johann Kriner (1834–1883), bei Andreas Engleder in München ausgebildet, wurde der erste Leiter dieser Schule; Johann I. Reiter (1834–1899), Schüler von Jean Vauchel (1782–1856) in Damm bei Aschaffenburg, sorgte mit seinem Wanderunterricht für die Weiterbildung der Mittenwalder Heimarbeiter.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreiteten ausgewanderte Geigenmacher den Mittenwalder Instrumentenbau überregional. In Deutschland sind etwa zu nennen: Joseph Bernhard Hornsteiner (1853–1919) in Berlin, Alois Kriner (1805–1890) in Freising, Franz Poller (1856–nach 1932), Andreas Rieger (1836–nach 1904) und Anton Zunterer (1858–1917) in München, Johann Hornsteiner (1835–1885) in Passau oder Anton Sprenger (1833–1900) in Stuttgart. Andere Mittenwalder arbeiteten in europäischen und amerikanischen Städten oder ließen sich dort nieder.

Ludwig Neuner (1840–1897) aus der Verlegerfirma Neuner & Hornsteiner verdient besondere Beachtung. Nachdem er als Geigenmacher bei Jean-Baptiste Vuillaume (1798–1875) in Paris viele klassisch italienische Geigen kennengelernt hatte, förderte er nach seiner Rückkehr die geschicktesten Mittenwalder Heimarbeiter, die nach mitgebrachten Vuillaume-Modellen Instrumente bauten, und bemühte sich um die Verbesserung des Produktionsniveaus
.





Die Geige im Wappen
Lüftlmalerei von Sebastian Pfeffer (1990) an der Fassade eines Mittenwalder Hauses
Ein besonderes Verdienst von Matthias Klotz war es, dass er mit dem Geigenbau ein Gewerbe nach Mittenwald brachte, das bis heute das Ortsbild wesentlich mitprägt.



Der Mittenwalder Geigenbau im 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg und die nachfolgenden Wirtschaftskrisen brachten das Ende des Mittenwalder Industrie-Geigenbaus: 1930 stellte die Firma Neuner & Hornsteiner die Produktion ein, 1934 die Firma Baader. Nachfolgende Firmengründungen und die Bemühung der nationalsozialistischen Reichsmusikkammer (1938) um die Unterstützung der Mittenwalder Instrumentenbauer in den beiden sog. Arbeitsgemeinschaften I und II schlugen wegen des Beginns des Zweiten Weltkriegs fehl.

Erst mit der Neubesinnung auf den sog. Kunstgeigenbau – d. h. die qualitativ hochwertige individuelle Herstellung – gelang dem Mittenwalder Geigenbau wieder der Aufschwung
.

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich mehrere sudetendeutsche Vertriebene (Bitterer, Dietl, Grüttner, Gütter, Hausmann, Lang, Paulus, Peschke, Sandner, Schmidt, Walther) in Mittenwald an.

Gegenwärtig (2003) sind in Mittenwald elf Werkstätten ansässig, in denen Streich- und Zupfinstrumente gebaut werden
.

Einführende Bibliographie zum Mittenwalder Geigenbau
Register sämtlicher Mittenwalder Geigenbauer

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