Der Wirtschaftsraum
Süddeutschland-Tirol-Venedig


Der über die Alpen reichende Wirtschaftsraum Süddeutschland-Tirol-Venedig ist für die Entwicklung des barocken Geigenbaus von größter Bedeutung. In diesem geographischen Raum liegen einerseits die mit ihren vielen Werkstätten gewichtigen Instrumentenbau-Zentren (von Nord nach Süd) Augsburg, Schongau, Füssen, Mittenwald, Brescia, Padua und Venedig, andererseits einige vorbildhafte Geigenbau-Werkstätten des ausgehenden 17. Jahrhunderts, etwa von Jacob Stainer in Absam oder von Matthias Alban in Bozen.


Handelswege zwischen Augsburg und Venedig

Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verband die beiden europäischen Metropolen Augsburg und Venedig ein reger Handelsaustausch. Dabei bildete sich im mittleren Alpenraum das Rod- oder Rottfuhrwesen heraus – ein Frachtsystem von besonderer Leistungsfährigkeit: Die Transitwege waren etappenweise aufgeteilt, bestimmte Orte besaßen Niederlagsrechte für die Frachtgüter, und die jeweils einheimischen Fuhrleute wurden begünstigt.

Augsburg und Venedig waren durch zwei wichtige Handelsrouten verbunden, an denen diese Transportorganisation besonders deutlich ausgeprägt war. Der Obere Weg führte aus der schwäbischen Reichsstadt über Füssen, Zwischentoren, den Fern- und Reschenpass, durch das Etschtal und die Valsugana an die Levante. Der Untere Weg zweigte bereits in Schongau von der anderen Route ab und verlief über Oberammergau, Mittenwald, das Seefeld und Innsbruck, wo er den Inn weiter flußab – also unten – überquerte, dann über den Brenner, durch das Puster- und das Hellensteiner Tal ins Cadober, durch das Piavetal nach Capo di Ponte, schließlich über Conegliano und Treviso nach Venedig.





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Das Transportwesen

Die Fuhrleute waren in Transportverbänden zusammengeschlossen. Ihre Fracht wurde gemäß den unterschiedlichen Zolltarifen in Ganz- und Halbgut unterschieden. Zum Ganzgut gehörten etwa Seide, Baumwolle und Gewürze, zum Halbgut Südfrüchte und Olivenöl, Metalle und Erze, Leinen und Schafwolle, Felle und Pelze, Holzwaren und Salz. Weil die Waren in Ballen verpackt waren, nannte man die Lagerhäuser in den Rottstationen, wo sie zwangsweise niedergelegt, gestapelt und feilgeboten werden mussten, Pallhäuser oder Ballenhäuser. In Mittenwald ist ein erstes Ballenhaus ab 1471 nachgewiesen, ein zweites ab 1645.

Von Mittenwald wurden die Waren nach Norden teilweise auf Flößen weitertransportiert; dazu wurde 1407 eine sog. Wasserrott auf der Isar eingerichtet. Eine besondere Blüte erreichte der Mittenwalder Handel mit der 1487 erfolgten Verlegung des Marktes venezianischer Kaufleute von Bozen nach Mittenwald. Dieser sog. Bozener Markt wurde erst 1679 mit dem allgemeinen Rückgang der Rott in die südtiroler Stadt zurückverlegt.

Ab dem 16. Jahrhundert verlagerte sich der Welthandel zunehmend von Venedig an die Hafenstädte des Atlantik (Lissabon, Antwerpen, Amsterdam). Infolge des Dreißigjährigen Krieges verlor Augsburg seine wirtschaftlich herausragende Stellung unter den süddeutschen Handelsplätzen. Die Niederlagsrechte der Rottorte und die steigenden Löhne der Fuhrleute führten im 17. und 18. Jahrhundert zu einer stetigen Verlangsamung und Verteuerung des transalpinen Handels. Spätestens mit dem steigenden Aufkommen von Manufakturwaren erwies sich das in starre Regeln gefasste Rottfuhrwesen als nicht mehr zeitgemäß, so dass es vom mittleren 18. bis zum mittleren 19. Jahrhundert faktisch und juristisch beseitigt sowie durch andere Handelsformen ersetzt wurde.


Literatur

Baader 2/1936, 118-135.
Fischer, Klaus: Das Rodfuhrwesen zwischen Augsburg und Venedig vom 13. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. In: Wolfram Baer, Pankraz Fried (Hgg.): Schwaben und Tirol. Historische Beziehungen. Ausstellungskatalog. Augsburg 1989, Bd. 1, 240-250 (Diesem Beitrag ist auch die oben wiedergegebene Karte entnommen).


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